Kennzahlen
Net Promoter Score in der Finanzberatung
Wie der NPS gerechnet wird, warum er bei wenigen Antworten wackelt und welcher Teil der Befragung wirklich zählt.
Kurz gesagt
- Der Net Promoter Score misst mit einer Frage, wie wahrscheinlich Kunden dich weiterempfehlen würden, auf einer Skala von null bis zehn.
- Gerechnet wird er als Anteil der Antworten mit neun oder zehn minus Anteil der Antworten von null bis sechs. Das Ergebnis liegt zwischen minus hundert und plus hundert und ist keine Prozentzahl.
- Bei einem Bestand mit wenigen Dutzend Antworten ist der Wert statistisch wertlos: Ein einziger Kunde verschiebt ihn um mehrere Punkte. Vergleiche mit Benchmarks anderer Branchen taugen ebenfalls nichts.
- Nützlich ist nicht die Zahl, sondern die offene Rückfrage danach. Sie liefert dir Sätze, mit denen du arbeiten kannst.
Wie der Net Promoter Score gerechnet wird
Der Net Promoter Score geht auf einen Beitrag von Fred Reichheld in der Harvard Business Review aus dem Jahr 2003 zurück, entwickelt bei Bain und Company. Die Idee: Statt eines langen Fragebogens stellst du eine einzige Frage. „Wie wahrscheinlich ist es, dass du mich einem Freund oder Kollegen weiterempfiehlst?“ Der Kunde antwortet auf einer Skala von null bis zehn.
Die Antworten werden in drei Gruppen sortiert. Neun und zehn gelten als Befürworter, sieben und acht als passiv Zufriedene, die aus der Rechnung herausfallen, alles von null bis sechs als Kritiker. Der Wert ist der Anteil der Befürworter minus dem Anteil der Kritiker.
Das Ergebnis liegt zwischen minus hundert und plus hundert. Es sieht aus wie ein Prozentwert, ist aber keiner. Plus fünfundzwanzig heißt nicht, dass fünfundzwanzig Prozent zufrieden sind. Es heißt, dass die Befürworter die Kritiker um fünfundzwanzig Prozentpunkte übertreffen.
Ein Rechenbeispiel mit offenen Annahmen
Rechenbeispiel, frei gewählte Annahmen: Du fragst zweihundert Bestandskunden, sechzig antworten. Davon geben siebenundzwanzig eine Neun oder Zehn, einundzwanzig geben eine Sieben oder Acht, zwölf geben sechs oder weniger.
Die Befürworter machen fünfundvierzig Prozent aus, die Kritiker zwanzig Prozent. Der Wert ist also fünfundvierzig minus zwanzig, das ergibt plus fünfundzwanzig. Die einundzwanzig passiv Zufriedenen tauchen in der Formel nirgends auf, obwohl sie mehr als ein Drittel deiner Antworten stellen.
Jetzt der entscheidende Punkt: Wenn genau ein Kunde von einer Neun auf eine Sechs rutscht, fällt der Wert um rund drei Komma drei Punkte, nämlich zweimal ein Sechzigstel. Drei solcher Wechsel kosten dich zehn Punkte. Wenn du dann berichtest, dein Wert sei von plus fünfundzwanzig auf plus fünfzehn gefallen, klingt das nach einer Entwicklung. Es sind drei Menschen an einem schlechten Tag.
Warum die Zahl bei kleinen Beständen wackelt
Der Wert wurde für Unternehmen mit vielen tausend Antworten gebaut, dort gleichen sich Zufälle aus. In einem Bestand mit vierhundert Kunden und fünfzehn Prozent Rücklauf bleiben sechzig Antworten. Das reicht, um zu rechnen, nicht, um Veränderungen zu deuten.
Dazu kommt ein Problem, das erst beim Vergleichen auffällt: Zwei Befragungen im Abstand eines Jahres haben fast nie dieselben Teilnehmer. Wer beim ersten Mal geantwortet hat, schweigt beim zweiten, dafür meldet sich jemand, der vorher nicht dabei war. Du vergleichst also nicht zwei Zustände desselben Bestands, sondern zwei unterschiedlich zusammengesetzte Gruppen. Die Differenz nennst du dann Entwicklung.
Praktische Folge: Runde niemals auf Nachkommastellen, und leite aus Veränderungen unter zehn Punkten keine Maßnahmen ab. Wenn du überhaupt vergleichst, dann die Zahl der Kritiker in absoluten Personen. Zwölf Kritiker sind zwölf Anrufe. Das ist eine Arbeitsanweisung, plus fünfundzwanzig ist keine.
Der eigentliche Wert liegt in der zweiten Frage
Nach der Skalenfrage kommt eine offene Rückfrage: „Was müsste passieren, damit du eine Stufe höher gehst?“ Diese Antwort ist der Teil, für den sich die ganze Befragung lohnt. Sie kommt in Sätzen, nicht in Punkten, und sie nennt dir konkrete Dinge: eine Rückmeldung, die zu lange gedauert hat, ein Vertrag, den niemand erklärt hat, eine Beitragserhöhung ohne Anruf.
Bei einer Achterantwort ist die Frage besonders ergiebig. Der Kunde ist nicht unzufrieden, aber auch nicht begeistert. Meistens hat er einen einzigen konkreten Grund, warum er keine Zehn gibt, und er nennt ihn, wenn du fragst. In der Formel taucht er nicht auf, in deinem Kalender sollte er es.
Deshalb lohnt sich die Skalenfrage auch dann, wenn du den Wert nie ausrechnest. Sie ist ein sozial akzeptierter Aufhänger für ein ehrliches Gespräch. Niemand fühlt sich bedrängt, wenn er eine Zahl nennen soll. Und wer eine Sechs vergibt, hat sich damit selbst die Erlaubnis gegeben, dir zu sagen, was schiefläuft.
So setzt du die Frage im Beratungsalltag ein
Wenn du die Frage nutzt, dann in einer Form, die zu einem Einzelbestand passt. Ein Punkt daran ist rechtlich: Eine Befragung per E-Mail ist Werbung, das hat der Bundesgerichtshof 2018 für Kundenzufriedenheitsbefragungen entschieden (Urteil vom 10. Juli 2018, Aktenzeichen VI ZR 225/17). § 7 UWG verlangt dafür grundsätzlich die vorherige ausdrückliche Einwilligung. Wie dein konkreter Ablauf einzuordnen ist, beurteilt ein Anwalt und nicht dieser Text.
- Frag mündlich am Ende eines Jahresgesprächs, nicht per Serienmail. Ohne dokumentierte Einwilligung ist der E-Mail-Weg der riskante.
- Stell immer beide Fragen: erst die Skala, dann die offene Rückfrage. Ohne die zweite Frage hast du nur eine Ziffer.
- Notier die Antwort namentlich, nicht anonym. Ein Wert ohne Namen erzeugt Grübeln, aber kein Telefonat.
- Trag jede Antwort unter sieben sofort als Rückruf in deinen Kalender ein, bevor du den nächsten Kunden fragst. Was nicht im Kalender steht, passiert nicht.
- Zähle Kritiker in Personen, nicht in Prozent. Bei sechzig Antworten ist ein Prozentwert Fassade.
- Frag nicht öfter als einmal im Jahr denselben Kunden. Wiederholte Befragungen senken den Rücklauf und nerven.
Die bekannten Schwächen des Verfahrens
Der Wert ist seit Jahren umstritten, und die Kritik ist gut belegt. Eine Untersuchung von Timothy Keiningham und Kollegen im Journal of Marketing aus dem Jahr 2007 kam zu dem Ergebnis, dass der Net Promoter Score das Umsatzwachstum von Unternehmen nicht besser vorhersagt als herkömmliche Zufriedenheitskennzahlen. Die Behauptung, es sei die eine Zahl, die man zum Wachsen braucht, hielt der Prüfung nicht stand.
Für dich als Berater sind vor allem diese Punkte praktisch relevant:
- Die Gruppierung wirft Information weg. Eine Sechs und eine Null zählen gleich, obwohl der Unterschied groß ist.
- Zwei völlig verschiedene Verteilungen können denselben Wert ergeben. Der Wert allein sagt nicht, ob du viele Kritiker hast oder wenige Begeisterte.
- Gemessen wird eine Absicht, keine Handlung. Wer eine Zehn gibt, hat damit noch niemanden empfohlen.
- Skalen werden unterschiedlich genutzt. Wer zurückhaltend antwortet, landet bei acht, obwohl er sehr zufrieden ist, und fällt aus der Wertung.
- Benchmarks aus anderen Branchen oder Ländern sind wertlos, weil Frageformulierung, Zeitpunkt und Rücklauf nirgends gleich sind.
- Die Zahl lädt zum Steuern ein. Sobald jemand nach dem Wert bezahlt wird, wird gefiltert, wer gefragt wird.
Wann du den Wert besser gar nicht erhebst
Für einen Bestand unter tausend Kunden ist der Net Promoter Score als Kennzahl nicht geeignet. Die Fallzahlen sind zu klein, der Rücklauf ist zu selektiv, und die Zahl ist zu leicht misszuverstehen. Wenn du eine Kennzahl brauchst, mit der du deine Arbeit steuerst, zähl Verhalten statt Absicht: Gespräche, in denen du tatsächlich gefragt hast, und Empfohlene, die tatsächlich am Tisch saßen.
Der Unterschied ist grundsätzlich. Der NPS misst, was Kunden zu tun bereit wären. Die Weiterempfehlungsrate misst, was sie getan haben. Das zweite ist schwerer zu erheben und deutlich mehr wert, weil zwischen Absicht und Handlung genau die Lücke liegt, an der Empfehlungsprogramme scheitern.
Was bleibt, ist die Frage selbst. Nutz sie als Gesprächseinstieg und nimm die offene Antwort ernst. Trag den Wert aber nicht in eine Tabelle ein, die du quartalsweise vergleichst. Du würdest Zufall messen und ihn Entwicklung nennen.
Zuletzt geprüft am 09. September 2026.
Häufige Fragen
Was Berater dazu meistens fragen
Häufige Fragen
Ab welchem Wert ist ein Net Promoter Score gut?
Auf diese Frage gibt es keine ehrliche Zahl. Umlaufende Branchenwerte beruhen auf unterschiedlichen Fragestellungen, Zeitpunkten und Rücklaufquoten und sind deshalb nicht vergleichbar. Sinnvoll ist nur der Blick auf deine eigenen Zahlen über die Zeit, und auch das erst ab mehreren hundert Antworten. Bei einem einzelnen Beraterbestand ist die Zahl der Kritiker in absoluten Personen aussagekräftiger als jeder Vergleichswert.
Wie viele Antworten brauche ich für einen belastbaren Wert?
Deutlich mehr, als ein einzelner Berater zusammenbekommt. Bei sechzig Antworten verschiebt der Wechsel eines einzigen Kunden vom Befürworter zum Kritiker das Ergebnis um rund drei Komma drei Punkte, weil er in zwei Gruppen gleichzeitig wirkt. Drei solche Wechsel ergeben zehn Punkte Unterschied, ohne dass sich in deinem Bestand irgendetwas verändert hätte. Unter einigen hundert Antworten solltest du Veränderungen deshalb gar nicht deuten.
Sagt der Net Promoter Score etwas über künftiges Wachstum?
Nach der ursprünglichen Behauptung von Fred Reichheld ja, nach der späteren Forschung nicht. Eine Untersuchung von Timothy Keiningham und Kollegen im Journal of Marketing aus dem Jahr 2007 fand keinen Beleg dafür, dass der Wert Umsatzwachstum besser vorhersagt als andere Zufriedenheitskennzahlen. Nimm ihn deshalb als Gesprächsanlass, nicht als Prognose. Was dein Wachstum tatsächlich abbildet, sind Termine und Abschlüsse aus Empfehlungen.
Kann ich meinen Wert mit dem anderer Berater vergleichen?
Praktisch nicht. Der Wert hängt davon ab, wie du fragst, wann du fragst, wer antwortet und wie viele antworten. Zwei Berater mit identisch zufriedenen Kunden können deshalb Werte melden, die dreißig Punkte auseinanderliegen. Dazu kommt, dass ein Wert, an dem eine Vergütung hängt, verlässlich dadurch verbessert wird, dass man nur noch zufriedene Kunden fragt. Der Vergleich misst dann die Auswahl, nicht die Zufriedenheit.
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Empfehlungen sind kein Zufall, sondern ein Ablauf.
Bestandsgold schlägt dir täglich die Kunden vor, bei denen es sich gerade lohnt. Du gibst frei, den Rest macht das System.